Einreichung Projekt 2007-1 "Re:" Zur Diskursivierung der Wiener Netzkultur
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Einreichender
Clemens Apprich
Projektbeschreibung
Seit den Anfängen der 1990er Jahre entstand in Europa eine äußerst aktive Medienkulturszene, die sich intensiv, kritisch und experimentell mit den Versprechungen und Risiken einer sich neu formierende Informationsgesellschaft auseinandersetzte. Neben Amsterdam, Berlin, London oder Helsinki konnte sich auch in Wien ein international viel beachteter Knotenpunkt bilden, der in einer großen Anzahl von Symposien, künstlerischen Interventionen, Ausstellungen und Performances die soziopolitischen Implikationen der Neuen Medien auszuloten wusste. Dieser Umstand soll nun für das vorliegende Projekt „Re:“ den Anlass geben, sich in einer diskursiven Herangehenesweise mit diesen frühen Formen der „Communitybildung“ auseinanderzusetzen und die dadurch gewonnen Ergebnisse innherhalb eines kunst- und medienwissenschaftlichen Ansatzes zu kontextualisieren. „Re:“ bezieht sich in diesem Zusammenhang auf die Grundlagenforschung der „Netzpioniere.at“ (eines von fünf Forschungsschwerpunkten des Ludwig Boltzmann Instituts für Medien.Kunst.Forschung.), ohne den eigenenständigen, in erster Linie diskursiven Zugang aus den Augen zu verlieren. Als sprachliches Zeichen verweist „Re:“ dabei auf die in der Betreffzeile angekündigte Antwort, welche in Form ihres ableitenden Charakters selbst wiederum die Reflexion eines vorangegangenen diskursiven Moments mit einschließt. Diese artikulatorische Struktur aus Aufnehmen – Reflektieren – Zurückwerfen, vereint in sich also differentielle Positionen, die erst in ihrer relationalen Totalität auf Herkunft und Werdegang vernetzter digitaler Gemeinschaften rückschließen lassen.
Die materielle Verankerung des Diskursiven entspricht sodann auch einer noch recht jungen Disziplin, die sich im Gefolge Michel Foucaults (1971) als kritische Sozio-Linguistik bzw. Diskursanalyse etablieren konnte. Ihr Programm besteht im Wesentlichen darin, Diskurse sichtbar zu machen, um somit ihre Funktion als Herrschaftslegitimierende und –sichernde Techniken offen zu legen (Fairclough 2001). Der methodische Forschungsansatz einer Aufarbeitung und Darlegung des „diskursiven Knotens“ (Jäger 1999), wie er sich in der Bündelung Netzwerkbasierter Pionierarbeit im Wien der frühen 1990er Jahre manifestieren konnte, soll dabei die impliziten Bedingungen und versteckten Annahmen dieser frühen Community-Bildung untersuchen, um somit die Aktualität und Relevanz der damals entstandenen Diskursstränge (Parallele Universen, Infowar, Infopolitk, Netztheorie, Medienkunst, Cyberculture, Tactical Media, e-democracy, etc.) vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen neu zu verhandeln. In diesem Sinne kann die Diskursanalyse dazu dienen, einen Rückblick auf die letzten beiden Jahrzehnte Wiener Netzkultur zu werfen, ohne diese als monolithische und vollständig strukturierte Systeme zu verstehen. So re-präsentieren gerade im Bereich der „Computervermittelten Kommunikation“ (Lawley 1994) alle materiellen Momente des Sozialen das Terrain für eine konkurrierende Interpretation der Realität.
Um der Heterogenität dieses Ansatzes gerecht zu werden, sollen verschiedene und international tätige ForscherInnen, AktivistInnen und KünstlerInnen aus dem Bereich der neuen Medien dazu eingeladen werden, ihre Arbeit aus den letzten Jahren noch einmal zu reflektieren, sowie neue Perspektiven für die digitale Zukunft zu eröffnen. Diese diskursive Verkettung kritischer Medienkultur, wie sie sich in Europa unter anderem am Wiener Knoten zeigt, wird dabei anhand verschiedener Themenschwerpunkte (Politische Konflikte, Urban Information Landscapes, Digital Communities, künftige Perspektiven, etc.) zusätzlich aufgeschlüsselt und in übersichtlicher Form präsentiert. Die globale Kontextualisierung des lokalen Feldes ermöglicht es somit, einen „Außenblick“ auf die Wiener Situation zu werfen, und so die speziellen Umstände, historischen Werdegänge und aktuellen Implikationen der Wiener Netzkultur zu beleuchten. Dabei geht es allerdings nicht um die bloße Historisierung vergangener Ereignisse, als vielmehr um die aktuelle Re-flexion relevanter Positionen und Erfahrungen für eine zukünftige Realität und künstlerische Praxis.
Fairclough, Norman: Language and Power, Harlow (Longman), 2001
Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt a. M. (Fischer, 2003 (1971)
Jäger, Siegfried: Diskurs als „Fluss von Wissen durch die Zeit“. Ein Strukturierungsversuch, Augsburg, 1999
Lawley, Elizabeth: The Sociology of Culture in Computer-Mediated Communication. An Initial Exploration, 1994, http://www.itcs.com/elawley/bourdieu.html
Partnerschaft
Ludwig Boltzmann Institut für Medien.Kunst.Forschung.
Publikation
Die Forschungsergebnisse sollen in Form einer kollaborativen Onlineproduktion erarbeitet und letztlich zu einem attraktiven und qualitätsvollem Informationsportal ausgebaut werden. Diese Form der Online-Publikation wird darüber hinaus von Veranstaltungen im Realraum begleitet, wobei sich als erste Gelegenheit die Präsentation der Zwischenergebnisse von „netzpioniere.at“ im Rahmen der Ars Electronica 07 anbieten würde. Weiters ist eine Diskussionsveranstaltung zu den erarbeiteten Inhalten im Wiener Depot in Planung.
Zeitplan
Das Konzept zur geplanten Dokumentation im Rahmen von „Re:“ wurde bereits erarbeitet, sowie erste Kontakte zu möglichen AutorInnen aufgenommen. Die eigentliche Arbeitsphase in Kooperation mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Medien.Kunst.Forschung. wird mit Anfang April 2007 anlaufen und erste Zwischenergebnisse bereits im September 2007 im Rahmen der Ars Electronica präsentiert. Gemäß der Zeitplanung von „netzpioniere.at“ ist das Forschungsprojekt auf eine Langzeitperspektive bis Ende 2009 konzipiert.
Finanzplan
Aufgrund der breiten Thematik und international orientierten Aufarbeitung sowie der Präsentation der Ergebnisse in Form einer Onlineplattform, werden für die Errichtung und laufenden Kosten rund 15.000 Euro beantragt. Eine qualitätsvolle Aufarbeitung und Präsentation dient dabei der Sicherung eines leicht zugänglichen und die Arbeit anderer Personen und Institutionen unterstützenden Recherchetools.
Zur Person
Clemens Apprich
studierte Philosophie und Politikwissenschaft
weitere ProjektmitarbeiterInnen
Katharina Ludwig
ist Politologin
Projekt "Re:" Zur Diskursivierung der Wiener Netzkultur