Einreichung Projekt 2007-1 Barbara Husar- data exchange
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Einreichende/r:
Barbara Husar
Projektbeschreibung
DATA EXCHANGE
das projekt data exchange transportiert einen prozess, bei dem nabelschnüre von wüstenschafen als datenstränge in den wadis rund um die netzkunstblase und ihre neuen medien positioniert werden. in arabischer sprache heißt die nabelschnur habel surri, wobei habbel geheimnis bedeutet und surri ist die schnur. schnüre sind als verknüpfmaterial übrigens stete begleiter der beduinen. zusammengebunden wie der wasserkanister an den esel oder die zicklein am zelt, wird in der besitzgeringen wüstenwelt damit jedes kleine hab zum gut. offroad auf der nabelspur will barbara husar alias aida gallactica die geheimnisvolle schnur. an die sensibilität des subjekts hat sie sich anfang des jahres vor ort angenähert, als sie bei beduinenfrauen aus dem stamm der tarrabeen zu gast war. die befreundeten traditionsdurchdrungenen frauen reagierten auf die idee, die nabelschnüre sonnenzutrocknen und dann zu handeln vorerst mit grosser skepsis. in allahs sinne kann das nicht sein, da ist ja auch die seele drin. ein paar wenige erklärten sich aber doch bereit die nabelschnüre von ihren schafen an der sonne zu trocknen und sie als neues unkonventionelles handelsgut zu etablieren. bei ihrer nächsten reise hat barbara husar nun schon 8 nabelschnüre gegen einen goldring, plastikplanen und umgerechnet 13 euros pro habbel surri eingetauscht. doch dieser eben erst initiierte handel auf unbegrenzte zeit war noch nicht genug. sie wollte ihre eigene herde. tagelang ist sie gefahren, um in den trockenen flusstälern flötenspielenden herdenhüterinnen zu begegnen. obwohl deren fast zerfallende schuhe von keinen schnallen zusammengehalten und die nahrungsmittel knapp sind, wollten diese frauen keines ihrer schäflein verkaufen. ein für uns herrlich irrationales wertesystem. nach 7 tagen kam es dann allerdings zu einer begegnung mit einer beduinenfrau in hohem alter. kinderlos und abgenabelt trieb sie mit ihrer herde durch die stille, ihrem lebensabend entgegen. sie war es, die husar dann 5 ziegen verkauft hat und sich im tauschgeschäft am meisten über das wuzelpapier für ihren bedouintabak gefreut hat, aber auch über nahrungsmittel und planendach. diese kleine herde ist nun ausgangsbasis für eine datenstrangfactory im wüstenland. wie am schnürchen oder auch am fliessenden band werden sich nun im ursprünglichsten uteralen sinne datenstränge re-produzieren. mögen die stammzellen in den so facettenreich stillen wadis wohlig gedeihen, um diese dann wiederum auszutauschen und in die netzkunst zu transferieren. das projekt data exchange erweitert durch anthropologische, ökonomische und schamanische aspekte den rahmen medialer praktiken und rituale. ein offroadmovie begleitet den prozess vom nabelschnurspagat zwischen cyber und tradition, urban neurotic und archaischem rhythmus, enge und weite. synaptischer siebenmeilenstiefel bedarf es, wenn man husar nach einer möglichen endinszenierung der schnüre fragt. anscheinend schweben ihr zusammenknüpfungen der schnüre zu wohlig wiegenden hängemattennetzen vor und man darf gespannt sein, was sich aus diesem ungewöhnlichen import noch alles zusammenfügt.
Zeitplan
jänner 07 --> erste reise, projektvorstellung vor ort, tarrabeen village/sinai, egypt
märz 07 --> zweite reise, erster nabelschnurhandel, kauf einer schafherde - installation der datenstrangfactory
april/mai 07 --> postproduktion video (offroad movie) und publikation
juni 07 ---> personale (data exchange) im kunstraum englaenderbau, vaduz (FL)
juli/august 07 ---> experimentierphase mit dem basismaterial nabelschnur
september 07 ---> dritte reise, persönliches herdenhüten, nabelschnurernte, sinai, egypt
oktober/november/dezember 07 ---> erarbeiten der gesamtinstallation data exchange
bisherige projekte und querverbindungen
projektpartner
salama farrag, msalam farrag, aida hamed, michael lampert, luc gross, lena lee, milena gartler, ulrike hauser
CV barbara husar
über barbara husar
die bedeutung von husars repräsentanten entwickelt sich aus dem gravitationsfreien kontext, den sie in unterschiedlichsten konstellationen durchweben und beschweben. nervenzellen, meteoritenfallen, schnallen, synapsen, fritteusen, leiterplatten, happy synappys, rezeptoren, pheromone, gebärmütter, perücken, sandkörner und nabelschnüre entkonditionieren bei ihren begegnungen die illusion der trennbarkeit. über die zeichnung, am liebsten auf ausgedehnten wüstenreisen werden neue perspektiven und zusammenschnallungen erforscht. diese erfahrungen werden zu botenstoffen der realitäten und eingebettet in olfaktorische skulpturen, neuronale dinner, frittierte malereien, installation und performance.
von meteoritenfallen in nervensystemen und neuronalen dinners auf gebärmutterplaneten
das schaffen husars betrachtend, begegnen einem auf diesen bahnen netzwerke unendlicher verbundenheit mit allem was so kreucht und fleucht. alles ist eins und parallel individuell. grenzenlosigkeit die nicht im überschwenglichem verderben des übertreibens endet, rhythmisierendes weiterwandern ohne eile und stress. die urmutter ist überall präsent, die männliches nicht feministisch zu durchleuchten braucht, da polarisierendes und patriarchales an anderer feuerstelle hockt. die zusammenschnallungen berichten vom einklang des sandkorns mit synthetischer kunstfaser. wie bella sutra mit franz kafka in orgiastischem beischlaf weilend; niemand ist ausgeschlossen sich anzuschnallen. die informationen sind frei wie die koordinaten unseres seins; bereit sich zu öffnen für die, deren eingänge zugänglich sind, ebenso für jene die nicht schneeschaufeln für ihre neurotransmitter. chemisches urmaterial weilt wie yogi in jedem zellkern, gebärmutterplanet ist membranrezeptor im universalen organismus. alle erfundenen, selbst gebastelten vorstellungen und tatsachen sind herzlichst eingeladen sich neu zu definieren. das verhältnis zu den dingen wird nicht mehr angeschnallt. kommuniziert wird geräuschlos, durchsichtig, durch vergangenheit und zukunft gewoben und nicht entgegengesetzt. hinter dem auferzogen, konditioniert kultiviertem dehnt sich das sein. unsichtbar, pheromonial lockend, lockt durch sich, facettenreich frittiert, feinstofflich stimuliert es ist schon seit ewigkeiten eingespielt.
bella prinz, wien 2006
txt lena lee
Data Exchange
offroad auf der Nabelspur
by la lena lee
Im Rahmen ihres momentanen Projekts auf der Spur der Nabelschnur und ihrer Bedeutung, begab sich Barbara Husar alias Aida Gallactica, wie erstmals vor zehn Jahren, in diesem März wieder auf eine Reise in die Wüste Sinai, wo Sinnfluten aus einer mittlerweile sehr nahe stehenden, einst fremden Kultur, überliefert durch befreundete Beduinen und die Natur selbst, durch ihr Bewusstsein strömen. Aidas Faszination für die Nabelschnur liegt in der Kraft dieses sowohl in sich vernetzten als durch dieses Projekt äußerlich vernetzenden Datenstrangs, der zunächst im Körperinnenraum, durch Informationsfluss genährt und nährend, Lebensentstehung ermöglicht, bevor die Nachaußenwendung mitsamt der Abnabelung unabhängiges Dasein hervorbringt. Durch ihre Idee, von Beduinenfrauen vor Ort Nabelschnüre von deren Schafen und Ziegen zu bekommen, um diese in Europa neu zu inszenieren, wird die Bekanntwerdung mit sowohl dem organischen Objekt als auch dessen Abstammungskultur befördert sowie im Großen und Ganzen belebender Datentransfer zwischen kulturell unterschiedlich geprägten Netzwerken erlebt.
Der Nabelschnurspagat zeigt die beidseitige Andockung zwischen einerseits der Ursprünglichkeit von naturverbundenem Leben in der Wüste und andererseits dem technologisierten Stadtleben, das sich durch Information im Überfluss auszeichnet, während die wohl größte Wüstenqualität in der Stille geborgen liegt. Versorgt mit dem lebenswichtigen Nährstoff der inneren Ruhe, transportiert Aida also nicht bloß die organische, sondern auch eine bildlich komplexe Datenmenge in einen neuen Kontext, in dem zwar sprichwörtlich bekannt ist, dass in der Ruhe die Kraft liegt, aber oft hektisch darauf vergessen wird. Sowohl mittels einer audiovisuellen Dokumentation in Form eines Offroadmovies und digitalen Fotographien als auch durch Malerei als Medien, wird das Speichermedium Nabelschnur als Verbindungsglied durch das Schaffen von Husar, zusammen mit dem um sie entstehenden Netzwerk, in Kunstkreationen eingebettet, die in Empfängern neue synaptische Verbindungen offenbaren können, wenn sauerstoffsaubere Wüstengesteinsluft dicke Smogluft frei bereinigend belüftet.
Schon bei ihrer Recherchereise im Jänner dieses Jahres hatte sie ihrer namensgleichen Freundin Aida im Sin(n)ai von der nabelschnurrenden Idee erzählt und sie gebeten, bei der Geburt der nächsten Herdenbabys die Nabelschnüre für sie aufzubewahren. Anfänglich herrschte Skepsis, ob es auch im Namen Allahs erlaubt sei, dieses neue unkonventionelle Handelsgut zu etablieren, denn wie die arabische Bezeichnung habel surri, was soviel bedeutet wie ‚geheimnisvolle Schnur’, verdeutlicht, beinhaltet diese als Stück Seele etwas heiliges. Aber tatsächlich, der Austausch der in Wind und Wärme getrockneten doppelspiraligen Stammzellenkomplexe in Form von acht Nabelschnüren hat sich bewahrheitet. Sieben der Schnüre wanderten nun spürbar mit ihr durch die Welt, während eine, gleich einer Opfergabenspur im Sand zurückgelassen, sich mit Mutter Erde wiedervereint. Auch der Atem von Gaja wird in den importierten Lebensspendern sichtbar, wenn man so will, ebenso wie das Wunder des Gebärmoments sich in den Datenkabeln von Nabel zu Nabel manifestiert.
Aufeinandertreffen verbindender Weisen dergleichen sind auf solchen Reisen wohl Zeichen richtig gestellter Weichen. Ein BeiSpiel dafür fiel auf Aidas letztem Trip wie vom Himmel, als sie auf offenem Offroadgeröllfeld spontan mit einer bejahrten, allein mit ihrem Eselgefährten und ihrer Herde lebenden Beduinenfrau in Schleier lüftenden Kontakt kam, um folglich in hilfreichem Tausch für Nährstoffversorgung, finanzielle Unterstützung und ein Planendach überm Kopf, eigene Ziegen zu beziehen. Daraufhin erlebte Aida selbst hautnah, wie es ist, Hirtin einer kleinen Ziegenherde, bestehend aus drei Mutterziegen und zwei kleinen Nachfolgern, zu sein. Letztendlich übergab sie ihre Tiere in die Obhut einer weiteren äußerst heiteren Herdenhüterin. Aidas eigene kleine Herde dient nun als ihre naturelle Datenstrangfactory, um wie am fließenden Band ihre Nabelschnurproduktion zu sichern, und bestärkt gleichzeitig die Verbindung zwischen Lebensräumen. So ist die Nabelschnur - als Stammzellennetz und ursprüngliches Medium der Datenspeicherung - selbst Netzteil, das die digitalisierte Welt der Netzkultur neuer Medien an die Natürlichkeit des originalen Informationsspeicherns erinnert.
Wie fühlt sich wohl eine Wüstenziege, die von einem Ort zu einem anderen transportiert wird, um die Lebenswelt einer anderen Herde dieser Erde kennen zu lernen? Auch wenn dem Tier der bewusste Umgang mit dieser Transporterfahrung vermutlich nicht möglich ist, symbolisiert diese Frage eine Thematik, die in dieser Welt zunehmender interkultureller Begegnung von immenser Wichtigkeit ist. Aida manifestiert durch ihre Projekte Brücken, die unterschiedliche Räume kommunikativ verknüpfen, vergleichbar mit der Nabelschnur, die im Mutterbauch zwei Wesenskreisläufe in Einklang bringt. Sieht man den Kosmos als den Uterus des Menschen, begibt man sich in eine weitere Dimension, in der man die eigene tiefe Verbindung zum Nabel der Welt genießen kann, wie beispielsweise in einer real erfahrenen Vision einer Vollmondscheinschnur zwischen dem sternbeleuchteten All und dem Nabelandockpunkt im eigenen Kern. Inmitten beflügelnder Felshügelpracht, die Weite im Außen ebenso ertastend wie die klingenden Saiten im Innern, fühlt sich’s wie neu geboren, pur abspeichernd die auserkorenen Gebärensmomente, hoffend auf offene Ohren für neue Elemente und ein innehaltendes Laufen wie am Nabelschnürchen. ImSchAllJa.
txt stefania pitscheider
für die personale im juni 2007 im Kunstraum Engländerbau / FL
Seit über zehn Jahren pflegt die aus Feldkirch stammende und in Wien lebende Künstlerin Barbara Husar intensiven Kontakt zu dem am Sinai lebenden Beduinenstamm der Tarabeen. Insbesondere setzt sie sich mit einer Gruppe von rund zwanzig Frauen auseinander, die in Kleingruppen in unterschiedlichen Wadis leben und — isoliert vom Rest des Stammes — von der Aufzucht kleiner Schafherden leben. Die Auseinandersetzung mit den Beduinen hat Husar laufend durch ihre künstlerische Arbeit reflektiert. Im Spannungsfeld zwischen dem archisch-kargen Wüstenleben und der hochkomplexen Informationsgesellschaft ist ein Werkzyklus an Zeichnungen und Gouachen entstanden, der sich mit dem Austausch von Botschaften und Daten beschäftigt.
Grundmaterial für ihre Arbeit sind beim laufenden Projekt die Nabelschnüre der oben genannten Wüstenschafe. Die Künstlerin sieht sie als elementaren Datenstrang, als reduziertestes Vehikel für Informationsaustausch. Sie zieht Parallelen zwischen der physiologischen Funktion einer Nabelschnur und dem Austausch von Daten in der Informationsgesellschaft.
Die Nabelschnüre gesellen sich zu dem Repertoire an Motiven, die Husar über die Jahre entwickelt hat und wie aus einem Bausatz in unterschiedlichsten Kombinationen auftauchen und neuen Bedeutungen zugeführt werden. In der ersten Werkphase ihres künstlerischen Schaffens machte Husar in der Wüste gefundene Schuhschnallen zu Sinnbildern für Gehirnmechanismen . Als wiederkehrendes Motiv in ihrem Zeichenwerk stehen sie für die Synapsen, die Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen. Somit werden sie zu Symbolen eines Netzwerks. Nach einem ähnlichen Prinzip wurden etwa die Drahtgeflechte simpler Friteusenkörbe zu grafischen Abbildern des Hirnnetzwerkes.
Durch Husars langjährige, von gegenseitigem Respekt geprägte Freundschaft mit dem Beduinenstamm eröffnet sich dem Betrachter/der Betrachterin ein Blick auf einen sehr speziellen Aspekt einer nomadisch organisierten Gesellschaft. Dabei wird eine facettenreiche Realität präsentiert und das westliche Verständnis des Islams als Monolith hinterfragt.
Die erste Phase des Projektes hat im Jänner 2007 stattgefunden. Anlässlich einer Reise Husars in den Sinai wurden die notwendigen und äußerst komplexen Vorverhandlungen mit den Tarabeen-Frauen geführt. Im März-April 2007 wird eine weitere Reise folgen, um die ersten Schafsnabelschnüre abzuholen. Sie werden im Rahmen der Gesamtinstallation präsentiert. Die Erlöse aus dem Verkauf der getrockneten Nabelschnüre tragen wiederum dazu bei, die Netzwerke der Wüstenfrauen zu festigen. Die Ausstellung im Kunstraum Engländerbau soll die komplexen Aspekte des Projektes präsentieren und dokumentieren.


















