Einreichung Projekt 2007-2 Data Exchange
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Einreichende/r:
Barbara Husar
Projektbeschreibung
Habe mit meiner ersten Netznetz-Kohle einen Datenfluss installiert, bei dem Kulturfördergelder mit Nabelschnüren von Wüstenziegen getauscht werden. Somit ist das Fliessen von Informationen einerseits über den neuen Handelsweg sichtbar und auf weiterer Ebene als Handlungsstrang über das Datenkabel Nabelschnur inszeniert. Prozessorientiert werde ich nun meine eigene Herde bzw.Datenstrangfabrik in den sinaitischen Wadis hüten und neben dem Studium an der Herde vorallem das Kulturdatengut der Tarrabeenfrauen dokumentieren.
DATA EXCHANGE
Data Exchange dokumentiert einen Prozess, bei dem sich Nabelschnüre von
Wüstenziegen in den Wadis rund um die Netzkunstblase und ihre neuen Medien
positionieren. In arabischer Sprache heisst die Nabelschnur Habl Surri, die
geheimnisvolle Schnur. Barbara Husar erwirbt am Sinai eine kleine Ziegenherde
und installiert hiermit eine Datenstrang-factory, wo sich nun im
ursprünglichsten uteralen Sinne Stammzellen in Datensträngen re-produzieren und
die digitale Welt an die Natürlichkeit des Informationsfliessens und -speicherns
erinnern.
Angereichert wird diese Szenensammlung durch die in ihren Werken immer wiederkehrende Symbolik in Form von Schnallen als synaptischen Verknüpfern, Fritteusennetzwerken als Meteoritenfallen und Mikados als Memorysticks. Dadurch werden Traditionalitäten um scheinbare Absurditäten erweitert und ein neuer Raum fernab der kulturellen Programmierung entsteht. Data Exchange begleitet die Erweiterung des Rahmen etablierter medialer Praktiken und Rituale und somit auch den Nabelschnurspagat zwischen cyber und Tradition, urban neurotic und archaischem Rhythmus sowie Enge und Weite.
Die nächsten Schritte für die Weiterentwicklung von Data Exchange beinhalten einen Aufenthalt im Februar 08 bei meiner Herde. Der Akt des Herdenhütens in den sinaitischen Wadis der Tarrabeen ermöglicht die Mittlung von extraperspektivischem Kultur-Datenstoff, der gegenwärtig dokumentarisch gespeichert werden soll. Einerseits via Filmdoku, dann in Form von Holzstempeln, welche Zeichnungen der Beduinen von meiner Herde wiedergeben und natürlich im angestrebten Handelsgut meiner Nabelschnurproduziererziegen.
Zeitplan
1/08 planungsphase data-exchange.tk
2/08 herdenhüten am sinai
3-5/08 aufbereiten der daten / film, nabelschnüre, stempel, eventuell publikation part 2, trickfilm aus meinen zeichnungen über nabelschnüre und euter
5-10/08 projektpräsentationen und ausstellungen in wien, kopenhagen, bukarest, feldkirch, st.gallen
bisherige Projekte und Querverbindungen
Kalkulation
reisekosten barbara husar, milena gartler (dolmetch) 2500
equipment und tauschwaren 1500
filmproduktion 2500
publikation 3000
stempel 1000
futter für die herde 500
nabelschnüre 500
gesamt 11500
ansuchen netznetz: 5500
weitere ansuchen: bka,land vorarlberg und eigenmittel
projektpartner
salama farrag, msalam farrag, aida hamed, amma farrag, milena gartler, michael lampert, luc gross, lena lee, ulrike hauser, esther moises
CV barbara husar
txt tobias nöbauer
INFORMATIONSKÖRPER & SYMBOLRESONANZ
Gegeben sei folgendes Ensemble: Eine Wiener Künstlerin (Aida Galactica) fliegt per Airbus A320 in den Sinai, tauscht zwei Notebooks (CISC x86-32 bit, 90 nm CMOS), gegen einen Autoanhänger (einachsig, auflaufgebremst), fährt mit einem lokalen Freund (Salama Farrag, 38 Jahre) und einer rhythmustherapierenden Arabisch-Dolmetscherin (Milena Gartler, 32 Jahre) die Wadis entlang, um von Nomadenfrauen Nabelschnüre von Schafen im Tausch zu erwerben, etwa gegen Zeltplanen, Goldringe oder selbstgebrautes Kölnisch Wasser, die sie für ihren Werkzyklus zum Fließen von Informationen benötigt. Mit im Spiel außerdem: Flugdrachen mit handgestrickten roten Schnüren, ein Swarovski-Katalog mit Knüpfmustern, Sandalen aus westafrikanischen Abfall-Autoreifen und Zigarettenpapier. Das Wiener selbstverwaltete Fördersystem für Netzkunst und Netzkultur (netznetz.net) hat sich zuvor von selbst entschlossen, dieses Projekt finanziell zu unterstützen, zwischendurch tauchten zwar Bedenken (nicht ernstzunehmen) auf der Liste (GNU Mailman, Python) auf, ob die Notebooks nicht Terroristen oder Fundamentalisten zugute kommen könnten, aber das war wohl ohnehin längst der Fall.
Gesucht: Die Nummer jenes Reality-Abstraction-Layers, auf dem dieses Ensemble in symbolresonante Selbstwechselwirkung tritt und als sinnhafte Eigenform Impuls gewinnt.
Zunächst wäre es unphysikalisch, Information körperlos vorzustellen. Denn damit zwängte man sie in ein derart aufgewienertes, bis über seine Elastizitätsgrenze hinaus dünngespanntes Modell, dass man sie wohl nur noch durch eine Fehlstelle in der Energiebilanz des Systems indirekt nachweisen könnte. Alles, was fließt, braucht Platz, sonst müsste es ja nicht drängeln sondern wäre längst dort, wo unten ist. Entitäten, von denen man sich bei ihrem Eintreffen Wirkung erwartet, muss man wohl oder übel Impuls zugestehen, was – mit de Broglie gesprochen – unweigerlich eine endliche (d.h. nicht verschwindende) Wellenlänge zur Folge hat. Diese Aussage über eine Ausgedehnheit hinsichtlich einer Richtung (aka Dimension) mag noch reichlich platt erscheinen, aber ich sage: wer eine Richtung kennt, kennt in unserer Welt auch drei. Das aufmerksame Leserchen wird nun einwenden, 3D-Ausgedehntem gleich einen Eigenkörper zuzuschreiben wäre doch reichlich vermessen, wie man wohl an Wellen sehe. Darauf ich, blitzschnell: wer für sein Körperbild unbedingt Teilchen braucht, der soll mal den Leib Christi essen, symbolisch gesprochen natürlich.
Es wäre umgekehrt unsoziologisch, Körper informationslos vorzustellen (selbst wenn sie keine eigene Sprache haben), aber darauf kommt ohnehin niemand von allein: wer könnte schon ohne hypermenschliche Reinigungsarbeit die Idee entwickeln, dass irgendein Teil uns nichts, aber auch gar nichts sagt? Im Gegenteil: den von uns gestalteten Dingen wird propagandistisch-sinnliche Verführungskraft von Weltrang zugesprochen, zumindest bei Export aus den Zentren des Imperiums. Und um herauszufinden, was die von uns nicht gestalteten (nur eingegrenzten und bezeichneten) Dinge sagen, investieren wir Unsummen in grobkörnige Sinneserweiterungen und zeigen den Studenten Bilder von großen Hirnen: wir nennen das Wissenschaft oder Kunst. Wenn wir die von uns nicht gestalteten Dinge dann buchstabieren können und in permutierter, vereinfachter und gereinigter Lautfolge wiederum in den höchst unwahrscheinlichen Zustand des Funktionierens bringen fühlen wir uns gut, denn wir haben’s selbst gemacht, und nennen das Kind Technologie oder Kunstwerk.
Ich überspringe an dieser Stelle die Techno-, Medien- und Netzdiskurse, denn darauf will ich nicht hinaus. Jedenfalls scheint es in ihrem Lichte möglich und opportun, Information als kontinuierlichen Strom körper- und energieloser digitaler Daten vorzustellen, verlustfrei kopierbar, reibungsfrei verteilbar und gerne gratis. Jedenfalls wird den digitalen Informationsnetzen und Informationsverarbeitungsmaschinen gerne eine Art revolutionär-demokratische Kraft zugeschrieben, gute Kommunikationen sollen ermöglicht werden, bessere Machtverteilung und Selbstermächtigung, neue Raumgefühle. Kurzer Kritik-Anfall: Die digitale Bohème verdient auch in prekären Beschäftigungsverhältnissen gut, user-contributed content nimmt den Kulturindustrien die Arbeit ab. Wegen Versagens aller Kopierschutzmaßnahmen wird ein neuer Eigentumsbegriff denkbar, und wegen digital verlängerter Puppenspiele für Erwachsene (Second Life) wird die technische Möglichkeit eines offenen 3D-Teilnetzes (für alle die’s brauchen – oder braucht’s niemand?) übersehen.
Genug davon, Computer und Netze sind ihren enormen Platzverbrauch in den beschränkt großen Räumen des Planeten, der Lebensenergien und der Diskurse dann wert, wenn sie Ungleich-Versammlungen von multisinnlicher Hochenergiedichte, Wanderungen über den Planeten und strategisch-koordiniertes Handeln der Zivilgesellschaften erleichtern. Was ist die Informationsbandbreite des Internet gegen die der Migrationsströme? Wieviel Existenz, Tragödie oder Ekstase transportieren die digitalen Medien im Vergleich zu Flüchtlingsbooten vor der Spanischen Küste? Und: welches Alibi bieten sie, die Grenzen nicht zu öffnen, hier zu bleiben und auch weiterhin alles besser zu wissen? Digitale Kultur ist zum Mitmachen erfunden worden (L. Lessig), aber kann man denn auch nicht mitmachen ohne zu verlieren?
Durch die Nabelschnüre der Nomadenschafe wird das gesamte Eigenbaumaterial für neue Schafe angeliefert, sie sind zugleich Breitbandkabel und Intimkörperteil. Manche Nomaden sind zunächst unsicher, ob Allah denn einem zweiten Leben der – offenbar schon hier von Lebensspediteuren zu Bedeutungsresonanzen beförderten – Schnüre als Symbole für nichtvirtuelle Datenpakete zustimmt. In persönlichem, gegenständlichen Tausch lassen sich aber Modelle finden, die es der Künstlerin ermöglichen, mit den Schnüren in der Hand selbst zum geburtshelfenden Datenstrom zu werden. Barbara Husar gelingt mit „Data Exchange“ eine surreale Skulptur aus ausgedehnten Informationskörpern, hype-unempfindlichen Lebensformen und der wechselseitigen Bedingtheit von Werkzeug und Mythos, der Oszillation von Symbol und Gegenstand. Ihre Furchtlosigkeit vor transkulturellen Kommunikationskatastrophen ist in Humor wohlbegründet; ihr Vokabular und Inventar sind reichhaltig, ihre Geschichten inspirierend.
















